Sonntag, 25. Juni 2017

Die ExtraSchicht - eine ernüchterte Bilanz

Schicht im Schacht. 

Wir waren geringfügig erleichtert und dezent frustriert, als wir gestern abend nach Beendigung der Mission Endlich Extraschicht diesen Satz stoßseufzten. Fazit des Abends: Das Gigantischste an der Extraschicht ist ihre Medien-und Marketing-Kampagne. Und wir sind drauf reingefallen. Mit uns zig andere - die aber wahrscheinlich trotzdem brav weiter mitstricken an der Mär der einzigartigen Veranstaltung, weil sie entweder nicht zugeben wollen, dass sie auch nicht verstanden haben, was denn jetzt so toll war an dem Abend oder es nicht zugeben wollen oder eben wie so viele - und da nehme ich mich gar nicht aus - nur zu gerne mitstricken an der Legende vom hippen coolen sexy einzigartigen Ruhrpott. Watt hatte ich mich gefreut!

Endlich #Extraschicht! 


Seit Jahren will ich dahin, seit Jahren linste ich neidvoll auf die vielen tollen Fottos bei Twitter, las die jubelnden Berichte in den einschlägigen Gazetten und ärgerte mich still über das schlechte Timing. Dabei schien die Extraschicht ein Event wie gemacht zu sein, um ein Pottmädchen-Herz höher schlagen zu lassen. Was für eine magische Idee. Eine Nacht gewidmet der Industriekultur, Licht-, Feuer-, Sanges-Akrobatik- und watt noch allet  Kunst zeitgleich an allen Industriekultur-Standorten, Sonderaktionen dazu.

Aber: Wie so oft: Irgendwatt war immer, was wir nicht absagen konnten. Goldhochzeiten, Abibälle, rundende Freunde. Dieses Jahr verabredeten wir uns frühzeitig mit Trixelinchen und ihrem Mann, der nie schreibt und stiegen in die Planungen ein. Ich besorgte die als Tickets fungierenden Armbändchen für 17 Öcken pro Nase im VVK ( abends schmale 20 Euronen) , der Trixelinchen-Gatte erklärte sich bereit, uns durch die Nacht zu fahren, das mobile High-Tech-Kühlgerät des Ruhebewahrers wurde in Stellung gebracht und ergiebig bestückt, nur das mit dem fahrenden Dixie-Klo entsprach nicht ganz der durchaus vorhandenen Motivation. Sehr schade. Denn wie sich im Laufe der Nacht herausstellte, war pipilieren ein von den Veranstaltern kaum bedachtes Problem und wir hätten mit einem mobilen Klosett sicherlich richtig Kohle machen können, so viele in so großen Nöten befindliche Extraschichtler hauptsächlich Schichtlerinnen begegneten uns unterwegs. Den Preis für unsere nutzlosen Bändchen hätten wir so locker rausgestrullert bekommen.

Extraschicht in Duisburg 

Von vorne. Wir starteten erwartungsfroh, gut ausgestattet dank besagter High-Tech-Kühltasche und begannen am andere Ende des Potts, in der alten Heimat, in Duisburg. Erstmal Innenhafen - immer eine schöne Kulisse. Der Plan war, dort ein wenig zu flanieren, alsdann per (als Attraktion angekündigten) Schiffs-Shuttle nach Ruhrort, von dort weiter mit dem Shuttle-Bus über Thyssen-Krupp zum Landschaftspark Nord. Kaum im Innenhafen angekommen fing es dann an zu regnen. War klar. Nachdem wir eine Woche geschwitzt hatten wie die Dullen, keinen Tropfen abgekommen hatten vom allüberall tobenden Unwetter, musste es uns jetzt die Extraschicht verregnen. Gut, kann ja keiner watt für. Dänen-High-Tech-Jüppchen an, Schirme auf und ab durch die Mitte.

Wir erlauschten eine Jazz-Band, über die man allenfalls lobend sagen konnte: Sie gaben sich stets Mühe oder wie es der Trixelinen-Mann formulierte: "Hauptsache, er kann blasen. Rhythmus muss er ja nicht können." Wir passierten unzählige Fressbuden und registrierten: Im Innenhafen läuft alles unter umsonst und draußen. Unsere Bändchen können wir getrost unter der Jacke trocken halten, nicht, dass uns die zwar teuren, aber materialmäßig eher schwachen Bändchen noch aufweichen und wir beim nächsten Spielort umsonst draußen bleiben können. Ab zum Schiffssteiger. Zum Glück sind wir ortskundig, denn ausgeschildert war dort wie sonst auch überall genau nichts. Die Schlange war lang und wir sahen, der Shuttle war gar kein Shuttle, er fuhr nur 1x die Stunde zu festgelegten Zeiten. Halbe Stunde würde es noch dauern. Der Captain inspizierte und verkündete: Großes Schiff, sehr großes Schiff, da passen locker alle drauf. Feini. Bißchen warten, damit hatten wir schon gerechnet. Wir also nuckelten an unserer Wegzehrung und ab und an ging es auch ein Stückchen weiter.


Unten am Kai angekommen, wunderten wir uns so langsam. Ab und an verschwand eine kleine Traube Menschen - und ward nicht mehr gesehen. Wir standen vor diesem riesigen Schiff, aber kein Mensch war drin. Waren wir an Gleis 9 3/4? Dann auf einmal lautes Rufen und Juchhei hinter uns. Wir drehten uns um und erspähten eine Nussschale, auf der vielleicht mit viel gutem Willen 100 People platziert waren. Die Glücklichen, die geshuttlet wurden. Denn es war nicht das Riesen-Schiff, welches shuttlete, das Riesen-Schiff diente nur als Durchgang zur Nussschale. Daher das 9 3/4 Gefühl. Unsere Alternative: auf den nächsten "Shuttle" eine Stunde später warten, in der Hoffnung, dass unser mühsam erstandener Warteplatz in der Schlange dafür reichte oder Plan B. Plan B erschien uns safer. Also zurück. Kurz noch 'ne Pommes geschnappt und ernüchtert wie wir waren, direkt mit dem Auto zum Landschaftspark Nord. ShuttleBusse hatten wir noch keine gesehen und das würde sich im übrigen bis ein Uhr nachts nicht ändern. Auch davon gab es wohl nicht soviele, dass sich der Begriff Shuttle wirklich bestätigte. ( wie ich im Nachgang noch herausfand, hielt der Shuttle für den LandschaftsparkNord - immerhin eine der größten Standorte - 1 km weit weg in der Wallachhei. Warum auch immer. Denn eine große Straße führt dort ja vorbei. Verstehe, wer will. )

Extraschicht im Landschaftspark Nord Duisburg ( La-Pa-Du) 

Parkplatz in DU-Nord klappte erstaunlich gut, wir hatten mit Schlimmerem gerechnet. Im Landschaftspark dann die nächste Ernüchterung. Auch dort alles umsonst und draußen. Wir waren wirklich blond und vertrauensselig davon ausgegangen, dass man die Bändchen als Eintrittskarte für die Spielstätten kauft. Ist aber nicht so. Man braucht sie für den Sonderfall, dass man einen Platz in einem Shuttle ergattert oder einen der raren Plätze für Sonderaktionen. Im Landschaftspark z.B. für die Begehung des Hochofens, etwas, was man für schmales Geld auch sonst machen kann. Uns interessierte der historische (historisch hieß in dem Fall die 70er lassen grüßen) Zug über das Gelände bis rüber zu Thyssen Krupp. Stellte sich ebenfalls als nicht machbar heraus, wie uns ein zwar freundlicher, aber auch resignierter Ordner immerhin dann mitteilte. Es gab vier Waggons und vier Schlangen. In jeder Schlange hatten einmal die Stunde 65 People die Gelegenheit. 65 x 4 x 5 ... braucht man nicht mal im Detail auszurechnen, um zu wissen, dass keine 10 Prozent der Besucher die Chance haben, ihr Bändchen sinnvoll einzusetzen. Ein Blick auf den Twitteraccount der Extraschicht bestätigte das Bild. Überall dasselbe. Mehrere Stunden Wartezeit, Chancen auf Teilhabe an einem der großsprecherisch angekündigten Events schon um 22:00h überall so gut wie aussichtslos. Wir waren ratlos. Was machen um 22:00 h abends bei strömendem Regen? Auf der großen Bühne mühte sich ein Gospelchor mit mäßigem Erfolg "Habt Ihr wirklich keine Hände frei, die in die Luft können" , weitere Darbietungen auf der kleinen zweiten Bühne Fehlanzeige. Dabei sollte der Park doch von vielen Stimmen erfüllt sein, wie vollmundig angekündigt. Aber Wegweiser fehlten ebenfalls in Gänze und bei der Größe des Areals kann man ja schlecht bis ans andere Ende, um zu gucken, ob da nicht vielleicht doch noch was. Sahen wir doch beim Fußweg vom Parkplatz, dass auch die angekündigten Führungen am biologischen Zentrum irgendwie eher nicht stattfinden würden. Das Einzige, was wir dort hätten noch machen können: Im Regen stehen und Freßstände abklappern. Davon gab es überreichlich. Street-Food-Market neudeutsch genannt. Leider nur zu oft zu übersetzen mit MatschePampe zu völlig überteuerten Preisen. Gerne auch vegan. Wir jedenfalls konnten uns nicht vorstellen, noch eine Stunde so zu verbringen, das Feuerwerk würde also ohne uns stattfinden. Überließen wir es also den Leuten ohne Bändchen. Man muss auch gönnen können. Aber wahrscheinlich war genau das Feuerwerk dann die Aktion, die den vollmundigen Ankündigungen entsprochen hätte. Ganz bestimmt. Dafür hatten wir dann doch noch Spaß mit der 112. Auf der Rückfahrt ebneten die großen roten Wagen uns nämlich den Weg aus dem Gedrängel und der Trixelinchen-Gatte gab den Chef der Feuerwehr mit lauthals gebrüllten Befehlen in die Nacht. Das war die bis dahin gelungenste Vorstellung des Abends. (Sie würde es auch bleiben.)

Extraschicht in Gelsenkirchen 

Zurück Richtung Heimat. Wir würden einen letzten Abstecher wagen. Lag quasi auf dem Weg. Der Nordsternpark in Gelsenkirchen. Da sollte es noch eine LaserLightLatinShow im Amphitheater geben. Zunächst aber gab es einmal jede Menge freie Parkplätze. Nahm nur solange Wunder, wie wir erfuhren, dass die Parkplätze im Nordsternpark nicht im Bändchen inkludiert sind, sondern bescheidene 5 Öcken pro Auto kosten sollten. 5 Öcken für den Acker am Nordsternpark!? Am Abend der Extraschicht! In Gelsenkirchen?! Hallo Gelsenkirchen! Ihr seid zwar irgendwie auch eine Hauptstadt des Barock, aber Preise wie im alten Rom entbehren dann doch eher jeder Geschäftsgrundlage. Egal. Ging auch so. Und siehe da. Ein Shuttle knatterte auch zeitgleich heran. Im Nordsternpark dann brauchten wir auch endlich unsere Bändchen. Ob nur für die LaserShow oder ob auch die aggressiv-hysterische Ordnerin am Eingang auch Teil des Programms war - wir haben es nicht herausgefunden.  Der TrixelinchenGatte war jedenfalls eingeschüchtert genug, um noch einmal zum Auto zurück zu joggen, um den Regenschirm loszuwerden, der leider draußen bleiben musste. Dafür standen wir dann im Regen im Amphitheater, nachdem wir glücklicherweise unverletzt die glitschigen Stufen in völliger Dunkelheit erklommen hatten und sahen uns fünf Laserstrahlen sowie ein paar Tanzpaare an, die zu deutschen Schlagern, neu eingesungen in Latin Rhythmen (Wir konnten die lets läster dance Gemeinde quasi kollektiv aufstöhnen hören) die Hüften halbwegs gekonnt kreisen ließen. Plus zehn ein paar in die Luft geschossene Feuerwerkskörper. Wahrscheinlich für jede Minute der Vorstellung eine. Da hatte sich unser Investment zu später Stunde doch dann endlich bezahlt gemacht. Halleluja.

Tjanun. Sowas fällt immer unter private Risikosphäre. Aber das Gefühl dezent verarscht worden zu sein, kann keiner von uns abschütteln. Ich sach ma so: Sollten wir nächstes Jahr an diesem Termin mal nichts vorhaben und das Wetter ist schön - man könnte drüber nachdenken, zu einer Location zu fahren, ein bißchen was zu schnabulieren, ein bißchen Musik zu hören und ein Feuerwerk zu schauen. Aber diese Bändchen kaufen wir nie, nie wieder. Denn letztendlich hatten wir 17 Öcken pro Nase ausgegeben, um 10 Minuten die Künste der Tanzformation Bottrop-Velbert genießen zu dürfen. Uns allen ist völlig unverständlich, wieso in all den Jahren nie eine kritische Stimme über diese Veranstaltung zu hören war.  Die Geschichte der Extraschicht ist wohl die einer sich verselbstständigenden großangelegten Lobhudelei ohne Grund. Und ich hatte 17 Jahre lang Herzchenbluten. Ebenfalls ohne Grund.

Der Mond von Wanne-Eickel über Gelsenkirchen? Sind bestimmt Fake News. Rüchtich.
War ein Ballon. Immerhin ein schönes Bild. 
Bestätigung des Abends: Vorfreude ist die schönste Freude
Lob des Abends: Wenigstens hat die Britta an Alkohol gedacht für unterwegs.
Stoßseufzer des Abends: Hier laufen se. Woanders werden se gesucht. (zu später Stunde angesichts diverser struntendichter Besuchergruppen, die ihren Frust wohl ertränkten )
Erfolgserlebnis des Abends: Die Kühlkette der Salzstangen wurde nicht unterbrochen

( Weitere Bebilderung ist mir zu mühsam, müsste ich mir erst von den anderen zusammensuchen. Seht es mir nach. Aber es finden sich in Funk, Fernsehen, Presse und sozialen Medien genug feine Bilder, die ein ganz wunderbares Event suggerieren. )