Unter Deutschlands Regisseuren gibt es einige Namen, die für mich schon Grund alleine sind, den Fernseher einzuschalten, wenn ihr Name fällt. Nico Hofmann, Heinrich Breloer natürlich der berühmte der Brüder, und - Dominik Graf.
Am Freitag Abend ging in der ARD die spannende, aufregende, zehnteilige Serie "Im Angesicht des Verbrechens" von Graf zu Ende. Wir hier im Palais haben dieses Epos gebannt und atemlos verfolgt. Viel wurde im Vorfeld über diese Serie geschrieben. Für die einen war es die Neu-Erfindung der epischen Genre-Erzählung, für die anderen ein Back-to-the-good-old-Roots des Fernsehens. Zehn Millionen soll die Produktion gekostet haben - viel, viel mehr als geplant. Die Produktionsfirma des ehemaligen RTL-Programmchefs Mark Conrad, von dem wohl auch die Grundidee stammte, ging darüber in die Insolvenz. Nur mit öffentlich-rechtlichen Geldern konnte die Serie fertiggestellt werden, die Dreharbeiten sollen der Legende nach ein Desaster gewesen sein. Kritiker und Zuschauer waren sich aber am Ende einig: Herausgekommen ist ein Meisterwerk. Ein Epos, welches einen noch lange nicht loslässt und welches nachwirkt.
Graf, der gemeinsam mit Rolf Basedow auch das Drehbuch schrieb, nahm den Zuschauer mit in eine Welt zwischen traumhafter Phantasie und knochenbrechendem Realismus und schenkte ihm ein Kunstwerk, welches alle großen Themen des Lebens vereint: Liebe, Tod, Gerechtigkeit, Rache und Vergeltung, Ehre, Identität, das Böse, das Gute und Glück. Selten lagen Gewalt und Poesie so dicht beieinander.
"Im Angesicht des Verbrechens", ist somit nur vordergründig ein Genre-Film über die Russen-Mafia und deren Verstrickungen in der Berliner Gesellschaft. Die Handlung verzahnt sich in etliche Nebenstränge, diese aber alle fein austariert und auserzählt.
Nicht nur die Gegenwart ist Thema, auch Geschichten, die tief in die Vergangenheit reichen und dem aktuellen Fall eine historische und politische Dimension geben.
Wir fieberten mit den Polizisten Lottner und Gorsky bei ihrem Kampf um Gerechtigkeit, sympathisierten mit Mischa, dem Misel Maticevic, die Graf-Entdeckung aus 2006 einen Mafiosi modernen Zuschnitts verpasste und seiner Stella, mal zerbrechlich, mal erdverbunden gespielt von der lange nicht gesehenen Marie Bäumer. Überhaupt - die Schauspieler. Alle - ausnahmslos - liefen zu Höchstleistungen auf. Bei allen hatte man das Gefühl, sie spielten nicht nur ihre Rolle, sie lebten sie in all ihren Facetten und im schillernden Grau ihrer Existenz. Auch wenn man keinen herausheben möchte, ich persönlich hoffe schon auf ein schnelles Wiedersehen mit den beiden Hauptdarstellern Max Riemelt und Ronald Zehrfeld.
Ein Kritiker - (ich glaube, es war der vom Stern) zog nach dem ersten Sehen das Fazit, dass das deutsche Fernsehen kann, wenn man es lässt. Leider steht zu befürchten, dass dieses Fazit so nicht stehen bleiben wird. Die Quoten der Erstausstrahlung im Frühjahr auf ARTE waren gut, aber die der "Hauptausstrahlung" in der ARD dafür mau und blieben weit hinter den Erwartungen zurück. So weit, dass die ARD kopflos die letzten drei Folgen am letzten Freitag lieblos hintereinander abnudelte und das Finale weit nach Mitternacht versendete. Schade.
Wer dieses großartige Fernsehereignis verpasst hat, noch sind alle Folgen in der ARD-Mediathek abrufbar.