Sonntag, 12. Juli 2015

Element of Crime - eine Liebeserklärung

Erinnert sich noch jemand an den gnadenlos vernuschelten Tatort am Neujahrsabend? Fast 90 Minuten folgte man mehr oder weniger ergeben - je nachdem, wie anstrengend Silvester war - dem Weimaraner Tatortgespann durch einen ziemlich albernen Fall und hoffte auf ein Wunder, sprich auf einen Höhepunkt, der einen mit diesem Gemurkse versöhnte. Und - in der Tat, manchmal geschehen sie, die kleinen Wunder.
88 Spielminute. Sophie Rois schaut elegisch schuldbewusst in die Kamera, ich sage zum Gatten: 'Der Ulmen hatte auch schon mal bessere Rollen' und denke dabei an Herrn Lehmann - da plötzlich schweben über einem ollen Kirmesplatz melancholische Töne. Christian Ulmen und Nora Tschirner betreten ein leeres, abgerocktes Kirmeszelt und auf der nicht minder abgerockten Bühne steht eine wie aus der Zeit gefallene Kapelle und zieht das Fazit: "Wenn der Wolf schläft, müssen alle Schafe ruhen." Die Kapelle, das sind Element of Crime, ihr Frontmann ist Sven Regener (Ja genau, der Regener, der geistige Vater eben jenes Herrn Lehmann) und ich habe mein versöhnliches Ende.
Der Gatte sagt nach dem selten so schrill wirkenden Tatort-Abspann-Gedudel "Von Element of Crime könnte man sich auch mal 'ne CD kaufen", ich nicke und wie so oft gerät das Ganze in Vergessenheit. Wann hat man auch schon mal Zeit zum "richtig" Musik hören und wenn man so bekennende Radiohörerin ist wie ich, dann können auch schon mal 30 Jahre vergehen, in denen man von einer der erstaunlichsten Bands dieser Republik immer nur am Rande etwas wahrnimmt. Denn im Radio finden Element of Crime bedauerlicherweise so gut wie nicht statt.
Es wird Frühling, ich notiere eifrig auf meinem digitalen Wunschzettel, dass ich gerne Sven Regeners letztes Buch zu lesen wünsche und da fällt mir die Bemerkung von Neujahr wieder ein. Praktischerweise hat der Gatte Geburtstag und noch praktischererweise bekommt er mindestens so gerne CDs geschenkt wie ich Bücher. Also endlich eine Element of Crime CD käuflich erworben, das Deutsch-Rap-liebende Kind verkündet gnädig "Lieblingsfarben und Tiere? Naja, ist zumindest mal ein kreativer Albumtitel". Schleifchen drum, der Gatte freut sich und die CD verschwindet dort, wo alle neuen CDs verschwinden - im Auto. Schließlich muss der Gute jeden Tag mit dem Auto einmal quer durch den Pott und irgendwas muss ja trösten im Dauerstau. Aus meinem Dunstkreis sind die Elemente jedenfalls wieder mal verschwunden und ich höre weiter Radio.
Ein knapper Monat später. Der heilige Geist wartet auf seine Wiederauferstehung und wir auf der A 1 gen Norden auf die Auflösung eines Staus. Wir wollen nach Dänemark zum bewährten 'Je mehr Nichts, desto besser' und wie immer wird die Schleicherei gen Norden zur gegenseitigen Musikvorstellung genutzt. Das Deutsch-Rap-liebende Kind fährt und der Kutscher bestimmt die Musik. Wir stauen also mit -natürlich- Casper durchs "Hinterland" und träumen mit einem uns bis dato völlig unbekannten Fabian Römer vom "Übersommern" und "Blauwalherzen". Nicht schlecht, aber irgendwie eher so ein bißchen Aki Bosse für Post-Pubertierende. Wir passieren "Delmenhorst" (ausgerechnet*) und nähern uns Bremen. Und da fällt es mir wieder ein. Ich quäke vom Rücksitz: 'Oh, Bremen. Neue Vahr Süd.  Das ist ein Zeichen und genau jetzt ist die Zeit ist für dieses Element of Crime Album'. Mein nur für mich nachvollziehbarer Gedankensprung verblüfft die Männer derart, dass sie Muttern glatt den abstrus anmutenden Wunsch erfüllen. Von da an hätten wir von mir aus auch ruhig direkt bis Grönland durchfahren können. Denn ich war beschäftigt. Mit Zuhören.
Das erste Lied "am Morgen danach" ganz nett zum Einhören, aber noch halbwegs unspektakulär, Doch die raue, man möchte fast sagen, verlebte Stimme von Sven Regener und seine Art zu intonieren hat schon was, dem man sich nur ganz schwer entziehen kann. Dann das zweite Stück, der - früher hätte man gesagt - Titelsong des Albums, das Lied also mit dem als kreativ gelobten Titel "Lieblingsfarben und Tiere", ein Lied wider dauernde Erreichbarkeit und ununterbrochener medialer Berieselung, welches mir sofort aus der Seele spricht. "Lieblingsfarben und Tiere, Dosenravioli und Buch und einen Bildschirm mit Goldfisch, das ist für heute genug". Kommt übrigens gut, wenn man das in einem dänischen Supermarkt inmitten hektischer deutscher nach Nutella suchender Mütter leise vor sich hin singt. Oder man bei einem Spaziergang am Strand plötzlich vor einem mit Graffiti von Jörg Immendorf verzierten Bunker steht und dem Ruhebewahrer und mir unisono dieser Songtitel einfällt.
Friedensaffe
Und das war es bei mir seitdem. Schluss mit Radio hören, seitdem höre ich Element of Crime in Dauerschleife. Rauf und runter. Man hat ja schließlich 30 Jahre nachzuholen. Sicher bin ich nicht die Musikkritikerin vor dem Herrn, bei Musik ist es bei mir wie mit Kunst. Sie muss mit mir sprechen und mich berühren. Und die Musik von Element of Crime berührt mich wie schon lange keine Musik mehr. Immerhin kenne ich mich gut genug aus, um zu wissen, dass man ohne Übertreibung sagen kann, die Combo, die sich nach dem gleichnamigen Kultfilm von Lars van Trier benannt hat, hat einen sehr eigenen und auch einzigartigen Stil in der deutschen Singer-Songwirter-Szene etabliert und die vier Stamm-Musikanten verstehen ihr Fach. Die Stücke leben musikalisch von einem unaufdringlichen, aber sehr zielsicher führenden Rhythmus, den bei Indie-Gruppe üblichen schrammelnden Gitarren und den Bläser-Elementen, die einen an Wim-Wenders-Engel denken lassen und von ja eben, dieser Stimme. Schon ziemlich einzigartig und von hohem Wiedererkennungswert. Element of Crime sind wohl im besten Sinne eine zeitlose Kultband, aber genau wie in dem im Tatort dargebotenen Stück nie der "heisse Scheiss" gewesen, schon gar nicht der von gestern.
Aber das vordringlich Wichtigste an den Stücken sind ihre unfassbar guten Texte. Sven Regener hat sich in den letzten Jahren als Schriftsteller einen Platz als deutscher Literat von Rang erschrieben und das zu Recht. Wieso ich nicht eher darauf gekommen bin, mich mit seinen Songtexten zu beschäftigen - verbuchen wir es unter Mysterien des Alltags. Vielleicht möchte Herr Regener das ja mal vertexten, denn genau davon handeln seine Texte oft. Von den Mysterien des Alltags und was sie mit den Menschen machen. Auf ihrer Homepage bezeichnen sie sich selbst als Melancho-Rocker, das trifft es ganz gut. Melancholisch, aber nicht düster, sondern hoffnungsfroh. Die alltäglichsten Situationen besingt er in eigentlich unsingbaren Texten und zieht daraus ganz erstaunliche Rückschlüssse, die einen in einer merkwürdigen Gefühlsgemengelage zwischen verzaubert und verstört zurücklassen.
Selbstironisch wird Weltfremdheit absichtlich zelebriert, obwohl die Musiker ganz genau wissen, wie es läuft. Es sind mal absurde, mal alltägliche Situationen, aus denen heraus Regener zum Kern kommt. Immer poetisch, aber gerne auch leicht renitent im guten Sinne. Man schwimmt nicht gegen den Strom, auch nicht mit ihm, man erfindet gleich einen eigenen Fluss. Das aber nicht unreflektiert, sondern schon klar Stellung beziehend. Besonders gerne gegen Dauerbevormundung und Vereinnahmung.
Und immer wieder über Liebe und ihre Ausweglosigkeit. Liebe kann man nicht erklären, aber beschreiben kann man sie. Vor allem Sven Regener, im Herzen vermutlich ein ungebrochener Romantiker kann das. Geht man ein bißchen in der Bandgeschichte zurück, findet man das, wovon ich immer dachte, das gibt es nicht. Das perfekte Liebeslied: "am Ende denk ich immer nur an Dich ". Ehrlicher, wahrer hat es noch keiner gehabt. In diesem Lied geht es eben auch um eine Alltagssituation: ein Spielplatz, Eltern, Nickeligkeiten, fahrlässig parkende Limousinen, Erdbeereis-Geklecker. man kennt das, man ist schnell drin in dieser Situation. Eine Situation, so denkbar ungeeignet für ein Liebeslied, eine Liebeserklärung. Aber gerade darum, denn "Wieviele Erdbeereise muss der Mensch noch essen, Bevor er endlich einmal sagt: Ich bin dafür, die böse Tat des Beinestellens zu unterlassen? Und darf ich irgendwann noch mal zurück zu Dir? Ganz egal, woran ich grade denke, am Ende denk ich immer nur an Dich". Alleine für diese Strophe würde ich ihm einen Preis verleihen und sei es, weil ich zum allerersten Mal in meinem Leben bei einem Lied gedacht habe: Ja, genau. Das ist eine Liebeserklärung, die ich annehmen und für immer in mein Herz einschließen würde.
Element of Crime
aktuelle Alben: Lieblingsfarben und Tiere als CD und Download-Album
sowie in der Reihe Bluebird Tapes "Live in Bochum" als Download Album
Nachsatz: Sven Regener trat im letzten Jahr mit einer berechtigt wütenden Rede eine längst überfällige Auseinandersetzung zum Thema Urheberrecht und was uns Kunst heute noch wert ist, los, die - wie ich aus zuverlässigen Quellen erfuhr - sogar schon Eingang in juristische Vorlesungen gefunden hat. Da ich diese Rede ohne Wenn und Aber unterschreiben würde, zwei Anmerkungen: Alle in diesem Beitrag benutzten Song-Zitate (kenntlich durch kursive Schrift)  sind ©Sven Regener für Element of Crime. Und wer sich nach dieser meiner Lobhudelei gerne Videos der Band ansehen möchte, kann dies sehr kommod auf der EoC-Homepage tun. Das Foto des Immendorff Graffiti ist von uns, aufgenommen im dänischen Blavand 2015. 
(*Delmenhorst ist auch ein EoC Songtitel, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht)