Sonntag, 20. Oktober 2013

Ein Besuch bei Hermès

Hermès, Paris, Rue du Faubourg St. Honoré. Allein diese Adresse. Auf der Zunge zergehen lassen kann man sie sich. Unfassbar schön fand ich schon immer die Carrés und Taschen und Krawatten und und und. Als ich ein Kind war, machte ich ab und an Sonntags mit meinen Großeltern einen Kö-Bummel - stundenlang hätte ich stehen können vor der Hermes-Auslage. Als ich in den 80ern eine Freundin hatte, deren Bruder in Paris studierte und wir diesen öfter besuchten, gingen die anderen in die Museen und ich auf die Rue du Faubourg St. Honoré.  Chanel, Hermès - stundenlang hätte ich stehen können vor den Auslagen.

Dann wurde ich erwachsen und bekam zum 28. Geburtstag ein Hermés Tuch geschenkt. Bis heute halte ich es in Ehren und Seidenpapier, hole es ab und an heraus, bewundere das Muster, die Seide, streiche liebevoll darüber und ganz selten trage ich es auch. Als der Gatte und ich ein Jahr zusammen waren, war es zwar nicht die Rue du Faubourg-St.Honoré, aber immerhin Paris, wo er mir seinen Heiratsantrag machte. Ich beschloss, er soll auf unserer Hochzeit eine Hermès-Krawatte tragen. Geschichte wiederholt sich und so ging der Gatte ins Museum und ich in die Rue du Faubourg St. Honoré zum Stammhaus der einstigen Hof-Sattlerei. Diesmal blieb ich nicht vor der Auslage stehen, ich ging hinein. Ins Allerheiligste von Hermés.

Dieser Geruch! Nach Leder, nach Seide, nach edlen Parfumen. Ich war die einzige Europäerin, um mich herum nur zahlungskräftige Kunden aus Asien. Ein wenig unschlüssig stand ich herum, fühlte mich deplatziert. Doch es nahte Rettung in Gestalt eines älteren Verkäufers. Ein freundliches Lächeln auf den Lippen bot er mir Hilfe an. Ich erklärte mein Begehr, erklärte weiter, dass ich Hermes über alles bewundere und dass dies hier eigentlich nicht so meine Preisklasse sei. Jaha, so mächtig war ich damals noch der französischen Sprache. Wenn auch mit Schweizer Akzent, aber das ist eine andere Geschichte.

Der distinguierte Verkäufer jedenfalls war erfreut. Er mochte meine Geschichte und nahm sich meiner an. Durch das ganze Haus ging er mit mir, zeigte mir alles, ließ mich Carreés bewundern, bestaunen, befühlen. Für ihn war es wie eine Führung durch ein Museum, für mich auch. Mit äußerster Sorgfalt wählten wir gemeinsam die Krawatte aus, weit mehr als eine Stunde Zeit ließ er sich mit mir dafür. Nach getroffener Wahl geleitete er mich in ein edel eingerichtetes Hinterzimmer, dort wurde das Geschäftliche erledigt. Schnöde Kassen gab es nicht, dort in der Rue du Faubourg St. Honoré.  Die helfenden Damen im Hinterzimmer wurden angewiesen, die Krawatte aufs Schönste zu verpacken, ich sei eine Kundin, die das verdient hätte.


Und so bekam ich ein edles Gesamtkunstwerk überreicht, eine besonders schöne Tragetasche dazu ausgesucht, Pröbchen der Parfumerie Hermes gab es obendrauf. Ich wurde mit Handschlag verabschiedet, mir wurde alles Glück dieser Welt gewünscht und überwältigt stand ich auf der Rue du Faubourg St. Honoré. Das alles, während die wirklich zahlungskräftige Klientel im Laden lieber auf Schnelligkeit denn Schönheit bedacht war. Diese kauften auch eher Statussymbole, denn Bewunderung und Tradition.
 
Und ich?  Denke bis heute an diesen netten älteren Herren, kann den Geruch von Hermes noch riechen. Mir war nicht ganz wohl, als ich den Laden damals betrat, aber sehr wohl, als ich ihn verließ. Ich fand es absolut erstaunlich, dass Dünkel in diesem Geschäft ein Fremdwort war ( wer jemals bei Douglas von Verkäuferinnen, die ein Bruchteil des Gehalts ihrer Kundinnen verdienen, von oben herab behandelt wurde, weiß, was ich meine) Dafür wusste man bei Hermes um den Stolz auf Handwerk, Kunst und Tradition. Bis heute geht mir das Herz auf, wenn ich an diesen Verkäufer denke, der die Dinge, die er verkaufte, auch schätzte und sich so freute, endlich mal eine Kundin zu haben, die diese Ehrfurcht mit ihm teilte. Auch wenn sie nur einen Bruchteil des Geldes im Laden ließ, den die Asiaten ausgaben.Jederzeit würde ich  wieder dorthin gehen, wenn ich etwas ganz Besonderes zu einem ganz besonderen Anlass kaufen möchten. Mal sehen, vielleicht heiraten ja die jungen Herren auch mal Hermes-beschlipst.

(dieser Eintrag wurde durch die heutige Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen inspiriert, die einen schönen Artikel zur Männermode von Hermès brachten und mich an diese Begebenheit erinnerten)