Sonntag, 30. Oktober 2016

Als ich zehn war

war ich noch kein Ruhrpottmädchen. Oder so zu einem Viertel, meine Omma war nämlich eins. Sie hatte es aus Bochum an den Niederrhein verschlagen, der Liebe zu meinem Oppa wegen. Der war Holländer und da auch von der anderen Seite die Omma Holländerin war, war ich dann doch schon das, was ich heute im Herzen noch bin: Halb Ruhrpottmädchen, halb Holländerin.

Jedenfalls - als ich zehn war - lebten wir im Großfamilienverband am Niederrhein, im deutsch-holländischen Grenzgebiet. Schengen war noch ein ganz und gar unbekannter Begriff, wir kannten es nicht anders, als an grimmigen Zöllnern vorbei zu müsen, wenn wir Freunde oder Familie im Nachbarort besuchen wollten. Aber dennoch war Holland schon damals die geilste Stadt der Welt für uns. Es war die Zeit, als Getränkedosen noch nicht das Einzige waren, welches man aus Holland importierte. Es ging mindestens einmal wöchentlich zum Hamsterkaufen rüber, Kaffee, Zigaretten und überhaupt. Überhaupt kam allerdings erst später, da war ich schon nicht mehr zehn. Ach, Ihr wisst schon. Zurück zum Thema.

Aber einmal gab es einen Tag, da waren die Grenzen plötzlich dicht. So richtig dicht. Mit Stacheldraht, Rammbock und natürlich den grimmigen Zöllnern. Nichts ging mehr. Selbst die grünen Grenzen waren dicht. Nachbarschaftsbegegnung war gestrichen. Für diesen einen Tag. Denn die Nachbarschaftsbegegnung Deutschland/Niederlande fand woanders statt. In München. Es war ein Tag, der Geschichte schreiben sollte. Naja, Sportgeschichte immerhin. Es war der 7.7.1974 und mein zehnter Geburtstag.

Der nicht weniger interessant sein konnte als der berühmte Sack Reis in China, der damals auch noch unbekannt war. Ich wurde also zehn und niemanden interessierte es. Außer mir und meiner besten Freundin. Die Stadt, das ganze Grenzgebiet, ach was , das ganze Land war in heller Aufregung. Meine Eltern hatten - dank mir und meinem Jubeltag - die Arschkarte gezogen, aber auch diesen Begriff kannte damals noch niemand. Aber so gehörte sich das nun mal, wenn ein Kind an einem Sonntag Jubeltag hatte, uitgebreide Koffietafel für die ganze Familie. Was somit ganz schick und nebenbei für alle die Frage löste, wo man denn DEM sportlichen Großereignis des Jahres medial beiwohnen wollte.

Die Gäste kamen, drückten mir pflichtschuldig irgendwas - im besten Fall ein Fünfmarkstück - in die Hand und begaben sich alsdann, Kuchenteller in der einen, Kaffeepott in der anderen Hand balancierend vor den Fernseher. Mich interessierte nichts weniger als dieser dämliche Ball und für die wahrscheinlich auch schon damals schon sexy Beine der Kicker interessierte ich mich auch noch nicht. Wahrscheinlich wurde schon damals ein tiefsitzendes Trauma verwurzelt, aufgrund dessen ich niemals nicht eine Karriere als Spielerfrau in Betracht gezogen hätte.

Immerhin war meine beste Freundin auch da. Soviel Einsehen hatte man mit mir gehabt, dass ich wenigstens eine Schwester im Geiste bei mir haben durfte, wenn schon sonst niemanden interessierte, dass ich erstmals in meinem Leben genullt hatte. Meine Freundin war wie ich, auch ihr hätte nichts egaler sein können als dieses Fußballspiel. Wir waren zehn, wir spielten noch mit Barbie und manchmal spielten wir im Garten Szenen aus der Fernsehserie Salto Mortale nach, die fanden wir toll. Und wir begannen uns - vier knallbunt angezogenen Schweden sei Dank - für Popmusik zu interessieren. DAS war nämlich mal wirklich ein mediales Großereignis gewesen, welches uns interessiert hatte, der Eurovision Song Contest , der damals noch Grand Prix Eurovision de la Chancson hieß. Abba hatte gewonnen und wir hatten es sehen dürfen. Wenn wir fertig waren mit Salto Mortale spielen, spielten wir Popstar. Mit ganz viel Inbrunst und genauso wenig Talent "My My at Waterloo" schmetternd. Meine Freundin war Annifrid und ich durfte Agnetha sein. I felt so lucky, I was the girl with golden hair....Doch an diesem Sonntag interessierte sich keiner für die kleinen Annifrids und Agnethas der Landbevölkerung, es zählte nur das, was auf dem Röhrenfernseher flimmerte.

In unserer kleinen Stadt fand an diesem Wochenende die alljährliche Kirmes statt und das interessierte uns eigentlich viel mehr. Aber es war uns strengstens verboten, alleine dort hinzugehen. Nicht, dass da irgendwer junge Mädchen zum Mitreisen sucht und wir Salto Mortale träumend darauf reinfallen würden. Aber nun war unsere Stunde gekommen. Alle starrten auf die Mattscheibe, alle mutierten plötzlich zu Bundestrainern und wir gingen einfach. Ganz und gar nicht unauffällig, aber es bekam keiner mit. Wir gingen alleine auf die Kirmes, während die deutschen Nationalelfen um die Ehre und ewigen Ruhm kämpften. Leider blieben wir alleine, denn auf der Kirmes war - keiner. Bis auf die paar Leutchen in den Kirmesbuden, die wohl beim Pokern verloren und die beschissenste Schicht des Jahres schieben mussten. Trotzig drehten wir eine Runde auf der Raupe, bezahlt von einem der in die Hand gedrückten Fünfmarkstücke, steckten unsere Nasen in einen riesigen Zuckerwattebausch und gingen wieder nach Hause. Dort war helle Aufregung - nicht, weil wir weg waren, das hatte keiner bemerkt. (Tjanun, Papi, falls Du diesen Post liest, so war es. Iss ja allet joot jejange.) Deutschland war Fußballweltmeister, die Freude hätte nicht größer sein können. Wenigstens musste ich für den Rest des Tages nicht auch noch in enttäuschte Gesichter gucken. Danke dafür. Die Grenzen blieben übrigens dicht für diesen einen Tag, schon damals fürchtete man wohl Randale. Es blieb aber ruhig. So ruhig wie auf der Kirmes.


Dies ist zum allerersten Mal ein Beitrag von mir zu einer Blogparade. Zugegebenermaßen auch auf den allerletzten Drücker. Die Idee dazu und aufgerufen hatte Glücksborusse Lutz Prauser auf www.zwetschgenmann.de , den ich von Twitter kenne und dessen Aufruf ich auch dort gelesen habe. Vielen Dank für die Idee und die Sammlung. Hat Spaß gemacht.

(Übrigens kam an diesem Tag in Bochum ein Junge zur Welt, der später oft und gerne erzählte, dass er an dem Tag geboren wurde, als Deutschland Fußballweltmeister wurde und der auch gerne an Blogparaden teilnahm. Leider ist er dieses Jahr schon wieder von uns gegangen. Johannes, ich habe an Dich denken müssen, als ich diesen Beitrag schrieb. Mögest Du Frieden gefunden haben.)